Gebisslos – Reiten ohne Trense

von | 6. Aug. 2024 | AusrĂźstung

Weiter mit 4my.horse

Auf 4my.horse findest Du Pferdeprofis und engagierte Members, die für einen achtsamen Umgang mit dem Pferd einstehen. Übersichtlich präsentiert und mit klarer Haltung.

Zu 4my.horse →

Ohne Trense unterwegs

Autorin: Andrea Eschbach (dieser Artikel ist zuerst in der KAVALLO erschienen) 

Reiten ohne Trense – das Thema weckt schnell Emotionen. Während es die einen verteufeln, wollen andere nur noch ohne. Doch im Fokus sollte das Wohl des Pferdes stehen – ob mit oder ohne Mundstück.

Unsere Expertin Andrea Eschbach sagt, welche Grßnde fßr das gebisslose Reiten sprechen und wann auch Zäume ohne Trense fßrs Pferd schädlich wirken.

 

Mit Gebiss reiten oder ohne?

Die Antworten auf diese Frage fallen selten sachlich aus. Es ist ein Thema, das Emotionen weckt und häufig polarisiert. Nßchtern betrachtet haben Zäume mit Gebiss und solche ohne lediglich unterschiedliche Wirkungsweisen. Häufig aber verbinden wir das Weglassen der Trense mit wenig bis gar keiner Einwirkung aufs Pferd.

Das Argument, dass das Pferd ohne Gebiss nicht zu kontrollieren ist, ist da nicht mehr weit. Häufig wird hier kontrollieren mit bremsen gleichgesetzt. Dazu ein kleines Wortspiel: Auf Spanisch lautet der Begriff fßr Trense el freno.

Bitless Bridle nach Dr. Cook

Es ist derselbe Begriff wie fĂźr das Wort ÂŤBremseÂť.

Ein Trugschluss

Es scheint, als ob wir im Gebiss die einzige echte Möglichkeit sehen, das Pferd zu bremsen. Das allerdings ist ein Trugschluss. Kontrolle findet kaum nur im Maul des Pferdes statt. Vielmehr beginnt sie bei dessen Erziehung und Ausbildung. Führt diese nicht dazu, dass das Pferd gelassen, willig, weich und aufmerksam auf die Hilfen des Menschen – ob am Boden oder im Sattel – reagiert, kann daran auch ein Gebiss im Maul nicht mehr viel ändern. Unter Umständen kann es sogar gefährlich sein, ein solches Pferd überhaupt noch zu reiten, egal mit welcher Art von Zäumung.

Ob wir in Harmonie und mit Leichtigkeit unser Pferd reiten, ob wir es anatomisch korrekt ausbilden, diese Ziele verlangen komplexere Wege als lediglich die Entscheidung ÂŤGebiss ja oder neinÂť.

Neun gute GrĂźnde

Unser Fokus sollte sich also niemals nur auf die Art der Ausrßstung beschränken. Vielmehr ist die Entscheidung, welche Hilfsmittel wir benutzen, nur eine von vielen, die wir als Reiter fällen mßssen. Fßr eine Zäumung ohne Gebiss gibt es dazu einige gute Argumente:

Das Pferdemaul ist hochsensibel. Beim Reiten mit Gebiss kann eine unruhige oder ungeübte Reiterhand – meist geschieht dies unwillentlich – Verletzungen an der Mundschleimhaut verursachen. Schmerzen aber lösen beim Fluchttier Pferd leicht Stress und Angst aus: Eine grobe Zügeleinwirkung oder ungeübte Reiter tragen somit schnell dazu bei, dass das Pferd mit Flucht, Verweigerung oder Rückzug reagiert.

Wissenschaftliche Untersuchungen, wie sie an der tierärztlichen Hochschule in Hannover durchgefßhrt wurden, haben ergeben, dass im Pferdemaul viel weniger Platz ist als angenommen. Fßr einen Gegenstand von der GrÜsse eines Gebisses ist es deutlich zu klein. Die MaulhÜhle wird weitgehend ausgefßllt, ein Gebiss berßhrt immer sowohl Zunge wie auch Gaumen.

Die Studien von Dr. Robert Cook

Weitere interessante Ergebnisse publizierte der Brite Robert Cook: In einigen seiner Studien, die er an der Tufts University in Boston/USA durchfßhrte, untersuchte der Veterinärmediziner die Auswirkungen des Gebisses auf das Verhalten der Pferde. So stellt ein Gebiss einen FremdkÜrper im Pferdemaul dar und sollte natßrlicherweise geschluckt oder ausgespuckt werden kÜnnen. Ist das nicht mÜglich, reagiert das Pferd mit Stress.

Nimmt ein Pferd Gegenstände freiwillig ins Maul, handelt es sich dabei meist um Futter. Dies lÜst eine Kette von physiologischen Reaktionen im PferdekÜrper aus: eine vermehrte Speichelproduktion sowie Kau- und Schluckreflexe. Zudem aktiviert der KÜrper die Verdauungsprozesse und fährt dabei die sonstige kÜrperliche Leistung zurßck. Ein fßr das Reiten nicht sehr idealer Umstand.

Einen weiteren problematischen Aspekt im Zusammenhang mit einem Gebiss im Pferdemaul sieht Cook zwischen dem Schluckreflex und der Atmung: Eine erhöhte Schluckfrequenz – verursacht durchs Gebiss – kann beim arbeitenden Pferd zu Atemnot führen. Eine Trense im Maul programmiert den Körper also nicht auf Arbeitsmodus, sondern verlangt eher nach Ruhe. Auch das widerspricht meist den Interessen des Reiters.

Durch seine Untersuchungen konnte Cook nachweisen, dass wesentliche Erkrankungen, insbesondere der Atmungsorgane, auf das Gebiss im Pferdemaul zurßckzufßhren sind. Allerdings ist dieses Gebiet noch wenig erforscht und weitere Studien zu diesem Thema wären wßnschenswert.

Bitless Bridle nach Dr. Cook

Umstellung auf Gebisslos

Aus eigener langjähriger Erfahrung wissen wir, dass viele Pferde beim Umstellen auf eine gebisslose Zäumung schneller ruhig werden, weniger Stressreaktionen zeigen und sich rascher entspannen. In einem solchen Zustand kÜnnen sie sich leichter auf den Reiter konzentrieren und reagieren dadurch oft auffallend sensibler auf die Reiterhilfen. So kann der Reiter sein Pferd oft leichter und mit weniger Krafteinsatz kontrollieren. Da das Pferd auch mental entspannt ist, ist die Wahrscheinlichkeit gross, ein rittiges, williges und fein an den Hilfen stehendes Pferd unter dem Sattel zu haben. Dies wiederum erhÜht die Sicherheit von Pferd und Reiter.

Pferde, die durch harte Ausbildungsmethoden und gewaltsamen Umgang traumatisiert sind, finden durch eine gebisslose Zäumung oft leichter wieder einen Zugang zu Zßgel und Reiterhand. Dies zeigt uns unsere langjährige Erfahrung mit Korrekturpferden.

Eine Umstellung auf eine gebisslose Zäumung kann auch in der Phase des Zahnwechsels (bis zum 6. Lebensjahr!) eine grosse Erleichterung sein. Das in dieser Zeit besonders empfindliche Maul wird so geschont.

Fßr sehr viele Dinge, die ein Pferd kÜnnen sollte, ist ein Gebiss nicht wirklich notwendig. Das Argument, dass ein Pferd ohne Gebiss in der Dressur nicht entsprechend versammelt werden kÜnne, ist immer wieder zu hÜren. Diese Argument kÜnnen viele namhafte Trainer entkräften. Auch ohne Gebiss lassen sich Pferd bis zu Lektionen der hohen Schule ausbilden und gymnastizieren.

Das gilt auch fĂźr ein vielseitiges Freizeitpferd, das hohen AnsprĂźchen genĂźgt: Es sollte ruhig und gelassen sein, sowohl im Umgang wie auch beim Reiten oder Training. Dennoch soll es fleissig und aktiv sein, leicht kontrollierbar, motiviert und fĂźr alle Arten des Einsatzes gut gymnastiziert: etwas Wanderreiten, etwas Dressurlektionen, kleine SprĂźnge wenn mĂśglich, zur Abwechslung darf es an der Doppellonge gehen, Gymkhana-Wettbewerbe mitmachen oder auch mal KunststĂźcke wie Kompliment oder spanischen Schritt zeigen. All dies kann der Mensch mit dem Pferd erreichen, ohne dafĂźr ein Gebiss verwenden zu mĂźssen.

Wissen kommt vor AusrĂźstung

Wir reiten seit Jahren mit gutem Erfolg mit gebisslosen Zäumungen. Das Bewusstsein, wie sensibel das Pferdemaul ist, mussten wir allerdings auch erst durch eigene Erfahrungen lernen.

Das Anwenden der Standardausrüstung Wassertrense war vorher schlicht normal. Die Entdeckung, dass es ohne Trense auch – und oft sogar noch besser – geht, war für uns der erste Anstoss, uns wirklich Gedanken zu machen, welche Auswirkungen die Ausrüstung auf die Pferde hat. Mental, physhisch und psychisch.

Um sich dessen bewusst zu werden, kommen wir nicht darum herum, uns Wissen anzueignen. Das heisst, wir sollten die Hintergrßnde und Wirkungen von verschiedenen Zäumungen und Gebissen kennenlernen. Denn selbstverständlich hat auch ein gebissloses Zaumzeug eine Wirkung. Die erfolgt aber nicht ßber das Innere des Pferdemauls, sondern je nach Zäumung auf verschiedene Bereiche am Pferdekopf oder -hals. Am häufigsten auf Nasenrßcken, Genick, Kinngrube, Ganaschen und Hals.

Versteht ein Reiter nicht, wie die von ihm verwendete Ausrßstung wirkt, wird er unweigerlich irgendwann Schaden anrichten, bewusst oder unbewusst. Das gilt auch fßr gebisslose Zäumungen. Diese sind nicht automatisch pferdefreundlich.

Gebisslose Zäumungen sind nicht automatisch pferdefreundlich

Auch hier gibt es Modelle, die für den kundigen Pferdemenschen eher ins Museum gehören als auf einen Pferdekopf – beispielsweise die mechanische Hackamore. Durch den starken Druck, den die Hebel beim Anziehen der Zügel auf das Nasenbein ausüben, kann eine Pferdenase mit dieser Zäumung relativ leicht gebrochen werden. Extrem tief auf der Nase liegende Zäumungen können zudem leicht den empfindlichen Nasenknorpel verletzen. Eisenteile einfach von innen nach aussen auf die Nase des Pferdes zu verlagern, ist kein Freipass für hemmungsloses Zügelziehen.

Fragwürdig ist auch die in Spanien gerne ungepolstert verwendete Serreta, eine Art Kappzaum mit Zacken – ein unglaublich scharfes Instrument, das extrem leicht zu schweren Verletzungen am Nasenrücken führen kann.

Das weitverbreitete Knotenhalfter ist ebenfalls nur so lange «freundlich», wie der Benutzer es einzusetzen weiss. Pferde, die am Schnurhalfter umhergezerrt und mit Dauerzug geritten werden, weil der Rest der Ausbildung und Erziehung mangelhaft ist, dürften kaum glücklich sein. Vielmehr ist vermutlich ein Pferd besser dran, das mit sorgfältiger Überlegung gut ausgebildet und erzogen wurde sowie fein und mit einem sinnvollen Gebiss geritten wird.

Kontrolle dank Vertrauen

Fßr den anspruchsvollen Freizeitreiter aber bietet das Reiten ohne Gebiss eine schÜne MÜglichkeit, die Zeit mit dem Pferd bewusster zu verbringen und gemeinsam mit seinem Tier zu lernen. Beim Einsatz von gebisslosen Zäumungen muss sich der Reiter von der Vorstellung lÜsen, dass Kontrolle und korrektes pferdeschonendes Reiten ausschliesslich durch das Gebiss mÜglich sind. Er muss sich Gedanken machen, wie er sonst das Pferd lenken, bremsen, kontrollieren und fÜrdern kann.

Gedanken, die im Idealfall zu einer harmonischen und auf Vertrauen basierenden Zusammenarbeit mit dem Pferd fĂźhren.

Erreichen wir dadurch, dass das Pferd aus Überzeugung unseren Aufforderungen, Ansprüchen und Vorschlägen nachkommt, dann haben wir vermutlich die grösstmögliche Kontrolle, die wir über das uns kräftemässig sowieso himmelweit überlegene Pferd haben können.


Bild: Reitzaum Goethe, hergestellt von Dauberg & Roth. (Hier am 4my.horse-Pferd Luna)

Mereau von Dauberg & Roth

Zum Autor

Beatrice Hohl

Beatrice Hohl

Während 22 Jahren durfte ich Luna, meine wunderbare Trakehnerstute, als Partnerin und Lehrmeisterin in meinem Leben haben. Sie hat mich viel ßber das Wesen Pferd (aber auch ßber mich und ßber Menschen!) gelehrt und war letztendlich auch der Grund dafßr, dass ich das Pferdeportal 4my.horse (neu: passion.4my.horse) ins Leben gerufen habe.

Als E-Magazin lesen

Krank im Bett vor einem gebuchten Kurs oder Event – Unsicherheit wegen Annullationskosten

Schon mal Geld verloren wegen Grippe?

Bei Kursen & Events passiert das schneller als man denkt. → Mehr erfahren

Neuste Beiträge

Hackamore

Hackamore

Gedankenanstösse zur Mensch-Pferd-Beziehung Erschienen im PASSION 01/21 von Ruth Herrmann Was für eine Beziehung pflegen Sie zu Ihrem Pferd? Sind Sie Freund, Chef, Spielkamerad, Teammitglied? Als Mensch fehlen uns essentielle Fähigkeiten, die „Leitposition“ in einer...

mehr lesen
Gebisse im Fokus

Gebisse im Fokus

Erschienen im PASSION 01/24 von Cornelia Heimgartner fĂźr den STS Gebisse und HilfszĂźgel im Fokus Das Thema der Weiterbildungstagung des Schweizer Tierschutz STS und des Berufsbildungszentrums Inforama, das Ende November in Bern stattfand, bietet das Potenzial zu...

mehr lesen

Folge uns

Save the Date

Pferde Messe

16.-18.10.2026

FĂźr Menschen, die Beziehung vor Methode stellen

Echte Profis

Finde auf der interaktiven Karte Profis, welche Dir weiterhelfen!

Kaufe jetzt ein Abonnement und erhalte 1 Ausgabe gratis!

Alle Magazine online lesen

 

Alle bisher erschienenen Ausgaben des Schweizer Reitmagazins PASSION stehen Dir auch digital zur Verfßgung. In einer ßbersichtlichen Online-Bibliothek kannst Du jederzeit flexibel und ortsunabhängig auf inspirierende Reportagen, Fachwissen und Interviews zugreifen. 

Du hast die Wahl:

  • Printmagazin abonnieren (4 Ausgaben pro Jahr)
  • Printmagazin mit Onlinezugang (Membership)
  • reines Online-Abo fĂźr alle digitalen Ausgaben

Sichere Dir den Zugang zu fundiertem Reitwissen, spannenden PersĂśnlichkeiten und echter Pferdekultur.