Ohne Trense unterwegs
Autorin: Andrea Eschbach (dieser Artikel ist zuerst in der KAVALLO erschienen)Â
Reiten ohne Trense â das Thema weckt schnell Emotionen. Während es die einen verteufeln, wollen andere nur noch ohne. Doch im Fokus sollte das Wohl des Pferdes stehen â ob mit oder ohne MundstĂźck.
Unsere Expertin Andrea Eschbach sagt, welche Grßnde fßr das gebisslose Reiten sprechen und wann auch Zäume ohne Trense fßrs Pferd schädlich wirken.
Mit Gebiss reiten oder ohne?
Die Antworten auf diese Frage fallen selten sachlich aus. Es ist ein Thema, das Emotionen weckt und häufig polarisiert. Nßchtern betrachtet haben Zäume mit Gebiss und solche ohne lediglich unterschiedliche Wirkungsweisen. Häufig aber verbinden wir das Weglassen der Trense mit wenig bis gar keiner Einwirkung aufs Pferd.
Das Argument, dass das Pferd ohne Gebiss nicht zu kontrollieren ist, ist da nicht mehr weit. Häufig wird hier kontrollieren mit bremsen gleichgesetzt. Dazu ein kleines Wortspiel: Auf Spanisch lautet der Begriff fßr Trense el freno.
Es ist derselbe Begriff wie fĂźr das Wort ÂŤBremseÂť.
Ein Trugschluss
Es scheint, als ob wir im Gebiss die einzige echte MĂśglichkeit sehen, das Pferd zu bremsen. Das allerdings ist ein Trugschluss. Kontrolle findet kaum nur im Maul des Pferdes statt. Vielmehr beginnt sie bei dessen Erziehung und Ausbildung. FĂźhrt diese nicht dazu, dass das Pferd gelassen, willig, weich und aufmerksam auf die Hilfen des Menschen â ob am Boden oder im Sattel â reagiert, kann daran auch ein Gebiss im Maul nicht mehr viel ändern. Unter Umständen kann es sogar gefährlich sein, ein solches Pferd Ăźberhaupt noch zu reiten, egal mit welcher Art von Zäumung.
Ob wir in Harmonie und mit Leichtigkeit unser Pferd reiten, ob wir es anatomisch korrekt ausbilden, diese Ziele verlangen komplexere Wege als lediglich die Entscheidung ÂŤGebiss ja oder neinÂť.
Neun gute GrĂźnde
Unser Fokus sollte sich also niemals nur auf die Art der Ausrßstung beschränken. Vielmehr ist die Entscheidung, welche Hilfsmittel wir benutzen, nur eine von vielen, die wir als Reiter fällen mßssen. Fßr eine Zäumung ohne Gebiss gibt es dazu einige gute Argumente:
Das Pferdemaul ist hochsensibel. Beim Reiten mit Gebiss kann eine unruhige oder ungeĂźbte Reiterhand â meist geschieht dies unwillentlich â Verletzungen an der Mundschleimhaut verursachen. Schmerzen aber lĂśsen beim Fluchttier Pferd leicht Stress und Angst aus: Eine grobe ZĂźgeleinwirkung oder ungeĂźbte Reiter tragen somit schnell dazu bei, dass das Pferd mit Flucht, Verweigerung oder RĂźckzug reagiert.
Wissenschaftliche Untersuchungen, wie sie an der tierärztlichen Hochschule in Hannover durchgefßhrt wurden, haben ergeben, dass im Pferdemaul viel weniger Platz ist als angenommen. Fßr einen Gegenstand von der GrÜsse eines Gebisses ist es deutlich zu klein. Die MaulhÜhle wird weitgehend ausgefßllt, ein Gebiss berßhrt immer sowohl Zunge wie auch Gaumen.
Die Studien von Dr. Robert Cook
Weitere interessante Ergebnisse publizierte der Brite Robert Cook: In einigen seiner Studien, die er an der Tufts University in Boston/USA durchfßhrte, untersuchte der Veterinärmediziner die Auswirkungen des Gebisses auf das Verhalten der Pferde. So stellt ein Gebiss einen FremdkÜrper im Pferdemaul dar und sollte natßrlicherweise geschluckt oder ausgespuckt werden kÜnnen. Ist das nicht mÜglich, reagiert das Pferd mit Stress.
Nimmt ein Pferd Gegenstände freiwillig ins Maul, handelt es sich dabei meist um Futter. Dies lÜst eine Kette von physiologischen Reaktionen im PferdekÜrper aus: eine vermehrte Speichelproduktion sowie Kau- und Schluckreflexe. Zudem aktiviert der KÜrper die Verdauungsprozesse und fährt dabei die sonstige kÜrperliche Leistung zurßck. Ein fßr das Reiten nicht sehr idealer Umstand.
Einen weiteren problematischen Aspekt im Zusammenhang mit einem Gebiss im Pferdemaul sieht Cook zwischen dem Schluckreflex und der Atmung: Eine erhĂśhte Schluckfrequenz â verursacht durchs Gebiss â kann beim arbeitenden Pferd zu Atemnot fĂźhren. Eine Trense im Maul programmiert den KĂśrper also nicht auf Arbeitsmodus, sondern verlangt eher nach Ruhe. Auch das widerspricht meist den Interessen des Reiters.
Durch seine Untersuchungen konnte Cook nachweisen, dass wesentliche Erkrankungen, insbesondere der Atmungsorgane, auf das Gebiss im Pferdemaul zurßckzufßhren sind. Allerdings ist dieses Gebiet noch wenig erforscht und weitere Studien zu diesem Thema wären wßnschenswert.
Umstellung auf Gebisslos
Aus eigener langjähriger Erfahrung wissen wir, dass viele Pferde beim Umstellen auf eine gebisslose Zäumung schneller ruhig werden, weniger Stressreaktionen zeigen und sich rascher entspannen. In einem solchen Zustand kÜnnen sie sich leichter auf den Reiter konzentrieren und reagieren dadurch oft auffallend sensibler auf die Reiterhilfen. So kann der Reiter sein Pferd oft leichter und mit weniger Krafteinsatz kontrollieren. Da das Pferd auch mental entspannt ist, ist die Wahrscheinlichkeit gross, ein rittiges, williges und fein an den Hilfen stehendes Pferd unter dem Sattel zu haben. Dies wiederum erhÜht die Sicherheit von Pferd und Reiter.
Pferde, die durch harte Ausbildungsmethoden und gewaltsamen Umgang traumatisiert sind, finden durch eine gebisslose Zäumung oft leichter wieder einen Zugang zu Zßgel und Reiterhand. Dies zeigt uns unsere langjährige Erfahrung mit Korrekturpferden.
Eine Umstellung auf eine gebisslose Zäumung kann auch in der Phase des Zahnwechsels (bis zum 6. Lebensjahr!) eine grosse Erleichterung sein. Das in dieser Zeit besonders empfindliche Maul wird so geschont.
Fßr sehr viele Dinge, die ein Pferd kÜnnen sollte, ist ein Gebiss nicht wirklich notwendig. Das Argument, dass ein Pferd ohne Gebiss in der Dressur nicht entsprechend versammelt werden kÜnne, ist immer wieder zu hÜren. Diese Argument kÜnnen viele namhafte Trainer entkräften. Auch ohne Gebiss lassen sich Pferd bis zu Lektionen der hohen Schule ausbilden und gymnastizieren.
Das gilt auch fĂźr ein vielseitiges Freizeitpferd, das hohen AnsprĂźchen genĂźgt: Es sollte ruhig und gelassen sein, sowohl im Umgang wie auch beim Reiten oder Training. Dennoch soll es fleissig und aktiv sein, leicht kontrollierbar, motiviert und fĂźr alle Arten des Einsatzes gut gymnastiziert: etwas Wanderreiten, etwas Dressurlektionen, kleine SprĂźnge wenn mĂśglich, zur Abwechslung darf es an der Doppellonge gehen, Gymkhana-Wettbewerbe mitmachen oder auch mal KunststĂźcke wie Kompliment oder spanischen Schritt zeigen. All dies kann der Mensch mit dem Pferd erreichen, ohne dafĂźr ein Gebiss verwenden zu mĂźssen.
Wissen kommt vor AusrĂźstung
Wir reiten seit Jahren mit gutem Erfolg mit gebisslosen Zäumungen. Das Bewusstsein, wie sensibel das Pferdemaul ist, mussten wir allerdings auch erst durch eigene Erfahrungen lernen.
Das Anwenden der StandardausrĂźstung Wassertrense war vorher schlicht normal. Die Entdeckung, dass es ohne Trense auch â und oft sogar noch besser â geht, war fĂźr uns der erste Anstoss, uns wirklich Gedanken zu machen, welche Auswirkungen die AusrĂźstung auf die Pferde hat. Mental, physhisch und psychisch.
Um sich dessen bewusst zu werden, kommen wir nicht darum herum, uns Wissen anzueignen. Das heisst, wir sollten die Hintergrßnde und Wirkungen von verschiedenen Zäumungen und Gebissen kennenlernen. Denn selbstverständlich hat auch ein gebissloses Zaumzeug eine Wirkung. Die erfolgt aber nicht ßber das Innere des Pferdemauls, sondern je nach Zäumung auf verschiedene Bereiche am Pferdekopf oder -hals. Am häufigsten auf Nasenrßcken, Genick, Kinngrube, Ganaschen und Hals.
Versteht ein Reiter nicht, wie die von ihm verwendete Ausrßstung wirkt, wird er unweigerlich irgendwann Schaden anrichten, bewusst oder unbewusst. Das gilt auch fßr gebisslose Zäumungen. Diese sind nicht automatisch pferdefreundlich.
Gebisslose Zäumungen sind nicht automatisch pferdefreundlich
Auch hier gibt es Modelle, die fĂźr den kundigen Pferdemenschen eher ins Museum gehĂśren als auf einen Pferdekopf â beispielsweise die mechanische Hackamore. Durch den starken Druck, den die Hebel beim Anziehen der ZĂźgel auf das Nasenbein ausĂźben, kann eine Pferdenase mit dieser Zäumung relativ leicht gebrochen werden. Extrem tief auf der Nase liegende Zäumungen kĂśnnen zudem leicht den empfindlichen Nasenknorpel verletzen. Eisenteile einfach von innen nach aussen auf die Nase des Pferdes zu verlagern, ist kein Freipass fĂźr hemmungsloses ZĂźgelziehen.
FragwĂźrdig ist auch die in Spanien gerne ungepolstert verwendete Serreta, eine Art Kappzaum mit Zacken â ein unglaublich scharfes Instrument, das extrem leicht zu schweren Verletzungen am NasenrĂźcken fĂźhren kann.
Das weitverbreitete Knotenhalfter ist ebenfalls nur so lange ÂŤfreundlichÂť, wie der Benutzer es einzusetzen weiss. Pferde, die am Schnurhalfter umhergezerrt und mit Dauerzug geritten werden, weil der Rest der Ausbildung und Erziehung mangelhaft ist, dĂźrften kaum glĂźcklich sein. Vielmehr ist vermutlich ein Pferd besser dran, das mit sorgfältiger Ăberlegung gut ausgebildet und erzogen wurde sowie fein und mit einem sinnvollen Gebiss geritten wird.
Kontrolle dank Vertrauen
Fßr den anspruchsvollen Freizeitreiter aber bietet das Reiten ohne Gebiss eine schÜne MÜglichkeit, die Zeit mit dem Pferd bewusster zu verbringen und gemeinsam mit seinem Tier zu lernen. Beim Einsatz von gebisslosen Zäumungen muss sich der Reiter von der Vorstellung lÜsen, dass Kontrolle und korrektes pferdeschonendes Reiten ausschliesslich durch das Gebiss mÜglich sind. Er muss sich Gedanken machen, wie er sonst das Pferd lenken, bremsen, kontrollieren und fÜrdern kann.
Gedanken, die im Idealfall zu einer harmonischen und auf Vertrauen basierenden Zusammenarbeit mit dem Pferd fĂźhren.
Erreichen wir dadurch, dass das Pferd aus Ăberzeugung unseren Aufforderungen, AnsprĂźchen und Vorschlägen nachkommt, dann haben wir vermutlich die grĂśsstmĂśgliche Kontrolle, die wir Ăźber das uns kräftemässig sowieso himmelweit Ăźberlegene Pferd haben kĂśnnen.
Bild: Reitzaum Goethe, hergestellt von Dauberg & Roth. (Hier am 4my.horse-Pferd Luna)









