Wenn Träume wahr werden
Autorin: Hélène Dongiovanni, erschienen im PASSION Herbst 04/2024
Ich erinnere mich noch gut an meine allererste Reitstunde vor über dreissig Jahren. In blauen Gummistiefeln auf einem riesigen Fuchspferd begann mein Traum Gestalt anzunehmen. Eine halbe Stunde lang ritt ich an der Longe im Schritt um den Reitlehrer herum, und so wurde der Samen für meine Leidenschaft gesät.
Damals war das Thema Behinderung oft ein Tabu, und die Reitlehrer waren nicht darauf eingestellt, auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Schüler einzugehen. In meinem Fall war es eine starke Sehbehinderung, die unter anderem dazu führte, dass ich ohne Hilfe kaum vorankam.
Während meiner Teenagerjahre machten meine Stallkolleginnen ihr Reitbrevet und hängten ihre Zimmer mit Trophäen und Plakaten voll. Bei mir war das zwar nicht so, aber auch ich träumte davon, einen fehlerfreien Parcours zu absolvieren und auf dem Siegerpodest zu stehen. Die Herausforderungen meiner Behinderung wurden jedoch immer deutlicher und rückblickend würde ich sogar sagen, dass sie mich damals völlig überwältigten.
Mit der Zeit fand ich meine Stärke und baute mich wieder auf. Ich erkannte, dass meine Träume wertvoller waren als die Grenzen, die mir meine Behinderung setzte. Ich beschloss, sie zu überwinden und hinter mir zu lassen. Mein Traum begann Ende 2020 wahr zu werden, als ich Flamme, eine temperamentvolle sechsjährige Freibergerstute, auf der Zucht von Herrn Maurice Willemin in Les Breuleux kennenlernte.
Zu Beginn unserer Beziehung nahmen wir uns viel Zeit, um einander kennenzulernen. Mit der Zeit und durch einige stürmische Abenteuer, entstand eine tiefe Verbindung, geprägt von Vertrauen und Liebe. Bis heute habe ich das Gefühl, dass wir uns gegenseitig verstehen und aufeinander verlassen können. Für mich ist diese Beziehung wichtiger als das Reiten selbst. Flamme ist zu einer wahren Lebensgefährtin geworden.
So kam es, dass meine Stute Flamme und ich im Mai 2024 an unserem ersten Horseathlon-Wettbewerb teilnahmen.

Die Vorbereitung auf den Horseathlon
Um optimal vorbereitet zu sein, wandte ich mich an Christophe Läderach, der über viel Erfahrung in dieser Disziplin verfügt. Wir tauschten uns intensiv aus, damit er meine speziellen Bedürfnisse besser verstehen konnte. Schon in der ersten Sitzung erkannte ich die Herausforderungen, denen ich in dieser Prüfung gegenüberstehen würde. Wegen meines eingeschränkten Gesichtsfeldes konnte ich den Parcours nicht vollständig überblicken. Es war, als bewegte ich mich, ohne zu wissen, wohin – ein beängstigendes Gefühl.
Doch mit der Zeit gewöhnten Flamme und ich uns an die Anforderungen, und unsere Zusammenarbeit entwickelte sich so, dass wir einige beeindruckende Ergebnisse erzielten.

Der Wettkampf
Für die Organisatoren war meine Teilnahme eine neue Erfahrung. Als Nachteilsausgleich durfte mein Trainer mich auf dem Turnierplatz von einem Posten zum nächsten führen, wobei er natürlich nicht eingriff, wenn Flamme die Hindernisse überquerte. Durch seine Unterstützung konnte ich mich voll und ganz auf die technische Bewältigung der Hindernisse konzentrieren.
Während des gesamten Parcours überwogen Freude und Stolz den Stress. Ich hatte mein Ziel erreicht und war glücklich, diesen Moment mit Flamme zu teilen. Besonders stolz bin ich darauf, dass ich wie alle anderen Teilnehmer bewertet wurde – nur nach meiner Leistung als Führerin.
Zum Abschluss möchte ich ein Zitat von Bernard Asley teilen:
„Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume.“
Die Träume von Menschen mit Behinderungen sind genauso legitim und erreichbar wie die jedes anderen Menschen. Es gibt kaum etwas Schöneres und Erfüllenderes, als seinen Träumen nachzujagen und sie zu verwirklichen. Ich wünsche Ihnen allen, dass auch Sie die Freude und den Stolz empfinden, die ich nach unserem Horseathlon-Wettkampf verspürt habe.
© Hélène Dongiovanni, Beitragsbild: Axelle Drevet











